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am 3. September 2016

Mit dem Biber (das) Leben lernen

Erwin Hayden-Hohmann - Am Sichelbach siedelten sich Biber an, die im Frühjahr 2016 brutal vertrieben wurden. Wie kann zukünftig Platz für Bauer und Biber sein?

Neuigkeit und Exkursion
Im Jänner dieses Jahres erfuhr ich, was viele LäuferInnen, LandwirtInnen und NaturliebhaberInnen da längst wussten: es gibt eine Biber-Kolonie am Sichelbach zwischen Kirchstetten und dem Ort Sichelbach! Einer ersten Erkundung Ende Jänner folgte eine Exkursion Ende März mit fachkundiger Führung durch 'unseren' Biologen, Dr. Michael Fusko. Mit einer kleinen Gruppe von InteressentInnen erkundeten wir den Bachabschnitt, der über mehrere hundert Meter ca. brusthoch aufgestaut war, denn die Biber hatten mindestens fünf Dämme in kurzen Abständen dort errichtet! Wir waren ergriffen von dem Naturjuwel vor unserer Haustür und begeistert von dem idyllischen Anblick, wenn der sonst kaum einen halben Meter schmale Bach hier in einer Breite von drei bis vier Metern durch die Au mäandert. Wir staunten über die Dämme, die Fraßspuren und den wohltuenden Unterschied zu unseren sonst oft schnurgeraden und fest verbauten Bachläufe.

Vernichtet!

Wenige Tage später war das Idyll vernichtet und derselbe Bachabschnitt ein trauriger Anblick! Die Dämme waren auf Betreiben der Landwirte Ende März verwüstet worden, die kleinen Teiche abgeflossen und die Biber schienen vernichtet oder zumindest vertrieben!

Heute am Sichelbach

Inzwischen hat die Gemeinde Kirchstetten versprochen, keine weiteren überfallsartigen Dammentfernungen mehr durchzuführen und ist (Stand August 2016) bereits wieder ein – eher provisorisch wirkender – Damm – mit Maisstängeln als hauptsächlichem Baumaterial - durch die Biber wieder errichtet worden, aber der Großteil des Bachlaufes ist öd und noch immer verwüstet. Nur die Wasserstandsmarken an den großen Bäumen lassen das frühere Ausmaß noch erahnen.

Ausgerottet - wieder angesiedelt - angefeindet

Wie kann der Biber, Inbegriff von putzig und fleißig, fast ausgestorbener Flussbewohner aus früheren Zeiten zum 'Problemtier' und Gegenstand von Abbruchbescheiden und Abschussbewilligungen werden? Der Grund ist: es wird zu eng in der Kulturlandschaft für die Interessen sowohl der zahlreichen Nutz(nieß)erInnen als der Natur!
​Vor rund 150 Jahren war der Biber in Österreich ausgestorben (oder eher ausgerottet) werden. Bejagt wegen seines wärmenden Fells und vertrieben durch die großen Flussbegradigungen in unserer Region. In den 1970er Jahren erfolgte eine Wiederansiedlung – in Niederösterreich ausgehend von den Donauauen unterhalb von Wien – und seither ist der Bestand stark gestiegen

Leben und Bauen

Jeweils die Jungtiere wandern immer aufwärts entlang der Bäche und Flüsse weiter ins Landesinnere und besiedeln neue Bachabschnitte, wenn sie geeignete Bedingungen vorfinden, wobei die Tiere sehr anpassungsfähig und genügsam sind. Sie suchen nach baumbewachsenen Stellen mit unbefestigten, lehmigen Ufern, in die sie ihre Wohnhöhlen graben. Mit dem Bau von Dämmen beginnen sie nur, wenn keine für ihre Zwecke ausreichende Wassertiefe vorhanden ist. Sie stauen mit den aus Stämmen und Lehm errichteten Dämmen das Gewässer so auf, dass oberhalb des Dammes der Wasserstand zumindest 60 cm beträgt. Weil sie die von ihnen gefällten Bäume – sie dienen als Nahrungsvorrat und Baumaterial - leichter auf dem Wasserweg transportieren können, hat der optimale 'Biber-Stausee' einer Breite von mehreren Metern.
​Alles das war in diesem unregulierten Teilbereich des Sichelbachs gegeben und die Biber entfalteten daher im Laufe mehrerer Jahre ihre Großfamilienleben mit Bauten, Zubauten und 'Mehrgenerationen-Wohnen'. Eine Kolonie besteht in der Regel aus dem Elternpaar und zwei Generationen von Jungtieren, die nach Erlangung der Geschlechtsreife auswandern und eigene Reviere – im Umkreis von durchschnittlich 25 km im weiteren Gewässernetz gründen

Jetzt gibt's Ärger!

Die Konflikte mit dem Menschen entstehen überwiegend durch die Bautätigkeit der Biber und in geringerem Umfang aufgrund der Nahrungsbeschaffung. Die eifrigen Tiere errichten nicht nur eine Wohnhöhle, sondern dazugehörige Fress-, Flucht- und Spielröhren und ziehen auch schon einmal im Laufe ihres Lebens in einen Zweitwohnsitz um. Dadurch entstehen große und verzweigte Höhlungen in den Uferbereichen. Intensive Landwirtschaft nutzt – unter Einsatz von immer größeren und schwereren Maschinen – den Boden bis knapp an die Bachufer und hat ein Einbrechen von Landmaschinen zu befürchten. Auch eine Vernässung von Ackerflächen kann die Folge von aufgestauten Bachabschnitten sein und so ziehen die Biber Unmut und Gegenmaßnahmen auf sich.
​Die Biber sind reine Pflanzenfresser, sie ernähren sich vorwiegend von Kräutern, Sträuchern und Wasserpflanzen. Sie verschmähen aber auch im Umfeld angebaute Feldfrüchte (Mais, Zuckerrüben) nicht und machen sich damit wiederum bei der Landwirtschaft unbeliebt. Nur im Herbst und Winter fällen sie Bäume mit der bekannten 'Sanduhr-Technik', um an die Rinde der oberen Äste zu gelangen (und um ihre Dämme auszubauen). Auch legen die Eifrigen einen Nahrungsvorrat (an Rinde) an, indem sie Zweige unter Wasser verankern, um sie über Wochen frisch zu erhalten. Sie bevorzugen junge Weiden, aber schädigen und fällen mitunter auch erwachsene, forstwirtschaftlich genutzte Bäume – wiederum zum Schaden der 'unentspannten' LandwirtInnen, die lieber nach eigenem Gutdünken ihre Gehölze bewirtschaften wollen...

Miteinander leben​

​Um zwischen den Interessen des Naturschutzes (siehe auch: ‚Die rechtliche Lage rund um den Biber‘) einerseits und der Land- und Forstwirtschaft andererseits einen Ausgleich zu finden, wurden ‚BiberberaterInnen‘, meist handelt es sich dabei um WildtierforscherInnen der Universität, in manchen betroffenen Gegenden, zuerst in Deutschland, dann in Nieder- und Oberösterreich und danach auch in der Schweiz eingesetzt. Die Fachleute sollen Aufklärungsarbeit leisten und die Kommunikation verbessern, Schutzmaßnahmen koordinieren und so Schäden auf beiden Seiten vermeiden. Einfache Maßnahmen, wie sie auch am Sichelbach hilfreich gewesen wären, können sein:

​- Schutzgitter (‚Drahthosen‘ aus Wildzaun) für den Verbissschutz von Obst- oder Forstkulturen, die besonders nahe am Ufer stehen
​- Elektrozäune zwischen Bibergewässer und nahen Feldfrüchten
​- Freihalten eines Uferstreifens von 10-20 Metern Breite von landwirtschaftlicher Ackerfläche, um das Risiko von Landmaschineneinbrüchen in die vom Biber geschaffenen Hohlräume im Ufer zu vermeiden

​​​Weitere Schutzmaßnahmen betreffen Fischkulturen, bei denen die Biber, die zwar keine Fische fressen, aber zB Umbauten am Gewässerabfluss vornehmen, am schädigenden, natürlichen Verhalten gehindert werden.
​​Vielfach würden wenige, gezielte Maßnahmen das Potenzial an entstehenden Schäden gering halten und gelingt ein solches Auskommen. Immer wieder wird aber auch mit der Entnahme von Dämmen oder sogar dem Einfangen und Töten der Tiere vorgegangen! Wir wollen die Vertreibung und Tötung der Biber verhindern und lieber mit dem Biber als Nachbarn leben! Denn abseits der ökologischen Vorteile für die Artenvielfalt und sogar den Hochwasserschutz sind die großen, scheuen und eifrigen Nagetiere ein inspirierender Gewinn an gefühlter und sichtbarer Naturraum in unser technischen Welt und ein anpassungsfähiger Hoffnungsträger gegen die Ausrottung unserer vergangenen natürlichen Umgebung.

Die ökologischen Vorteile

Die Biber gestalten die Bachlandschaft um, sie schaffen neue, ökologische Zonen und somit Lebensraum für Insekten, Vögel und Fisch. Die von ihnen gestalteten Wasserflächen puffern Starkregenwasser besser ab und sorgen für einen höheren Grundwasserpegel. Dr. Johanna Sieber vom Konrad-Lorenz Institut Wien formulierte sinngemäß so:

 „Ökologischer Gewässerrückbau und Renaturierung? – Die Biber können das besser und billiger!“ 

Lassen wir uns also helfen!


Erwin Hayden-Hohmann